22.09.2020

Themenjahr #girlpower: „Wir brauchen mehr systemischen Wandel“

Claudia Müller gründete vor drei Jahren in Frankfurt das „Female Finance Forum“. Vor zwei Jahren war sie bei einer Veranstaltung von JUNIOR als Jurorin mit dabei. Die Ökonomin, die lange bei der Deutschen Bundesbank arbeitete, berät jetzt Frauen in nachhaltiger Geldanlage und erzählt uns im Interview von ihren Plänen und Zielen. mehr

Das Interview führte unser Kollege Luca Samlidis am 27. August 2020.

Luca: Wie kamst du vor drei Jahren zu der Idee, das Female Finance Forum zu gründen? 

Claudia: Eigentlich wollte ich Leuten beibringen, wie nachhaltige Geldanlage funktioniert. Mein Vater war dafür ein großer Auslöser. Er hat meine Begeisterung für nachhaltige Geldanlage erkannt und mich gefragt, wie auch er einsteigen kann. Und dann dachte ich, ich bringe das erst meinem Vater bei und dann anderen Menschen. Viele halten Nachhaltigkeit in Kombination mit Geldanlage aber für ein kompliziertes Thema. Deswegen war mein erstes Ziel, aufzuklären, was Geldanlage überhaupt ist.  

Luca: Und wie ging´s dann weiter?  

Claudia: Ich hab viel recherchiert und dabei ist mir aufgefallen, dass Altersarmut hauptsächlich ein weibliches Problem ist. Außerdem investieren Frauen ihr Geld seltener als Männer. Eine Freundin von mir meinte dann, dass sie sich mit dem Thema gerade beschäftigt, alle Autoren zu diesem Thema aber Männer seien. Sie hat sich von denen nicht angesprochen gefühlt und sich gewünscht, dass es auch mehr Content von Frauen für Frauen gibt. Dann hab ich einfach einen ersten Blog ins Leben gerufen und dafür viel positives Feedback von meinem Bekanntenkreis bekommen. Mit der Idee habe ich mich auf ein Stipendium beworben und mir Hilfe bei der Unternehmensgründung geholt.  

Luca: Wie funktioniert dein Unternehmen?  

Claudia: Im Wesentlichen über ein Seminarangebot. Also Workshops und Vorträge sind das Kerngeschäft.  

Luca: Und wer sind deine Kundinnen?  

Claudia: Das war das Spannende. Ich habe das Stipendium vom Social Impact Lab bekommen, also ein Förderprojekt für soziale Unternehmensgründungen. Eine Beraterin fragte mich dann: „Du bist doch eigentlich hier, weil du eine Sozialunternehmerin bist. Wer ist denn dein Social Case?“  

Und dann hab ich eben überlegt, wer sich angesprochen fühlen könnte und mich entschieden, nicht die Frauen selbst anzusprechen, sondern Unternehmen und Bildungseinrichtungen. Heute Morgen zum Beispiel war ich bei einem großen Pharmaunternehmen, das ein sehr aktives Frauennetzwerk hat – das Gendernetwork - und habe dort einen Vortrag gehalten. Jetzt per Webinar, da können nochmal besonders viele Leute dabei sein. Mein Zielkunde ist irgendwann mal DM, um zum Beispiel die Kassiererinnen im Schichtdienst zu coachen, die wenig Geld haben und für die es sehr schwierig ist, in ihrer Freizeit zu so einem Vortrag zu kommen und dann auch noch dafür zu bezahlen.  

Luca: Welche drei Tipps möchtest du einer jungen Gründerin mitgeben?

Claudia: Sie soll sich überlegen, was sie gerne macht und wo sie gut drin ist. Und das dann auch durchziehen, egal ob das mit Familie vereinbar ist oder nicht. Man weiß nämlich nie, was kommt. Und wenn es eine Familie ist, dann lässt sich das irgendwie organisieren. Sie sollte also ihren eigenen Weg gehen. Also erstmal überlegen, wo sie hin will, was ihre Interessen und Stärken sind und dann: Go for it! Und auch wenn sich Ziele ändern, ist das kein Problem. Ich wollte zum Beispiel erst Generalsekretärin der Vereinten Nationen werden, dann Präsidentin der Europäischen Zentralbank und dann, auch weil ich nicht geduldig dafür war, habe ich mich für das Female Finance Forum entschieden. 

Mein zweiter Tipp: Suche dir einen Freundeskreis, der dich unterstützt. Und das können gerne Frauen sein, müssen es aber nicht. Das schafft eine Art Austauschplattform. Also zum Beispiel für Situationen wie die mit dem Staatssekretär. Darüber muss man mit engen Freundinnen und Freunden reden und einfach mal schauen, wie die vielleicht geantwortet hätten. Daraus kann man ja auch lernen.  

Und der dritte Punkt: Such dir eine Mentorin oder einen Mentor. Irgendeine Art von Vorbild. Und diese Person – das ist jetzt strategisch gedacht – darf ruhig männlich sein. Also: Männer sind nicht unsere Feinde, sondern das System ist das Problem. Und momentan ist es einfach so, dass Männer häufiger in den entscheidenden Positionen sind. Wenn dein Mentor dann aber eine Tochter hat, vielleicht sogar in deinem Alter, dann versteht der deine Probleme sehr gut und ist in der Position, dass er dich stützen und fördern kann.  

Luca: Zum Abschluss noch die Frage: Wie geht es jetzt bei dir weiter, was ist dein Ziel?  

Claudia: Mein Ziel ist es, das Female Finance Forum zu der zentralen Bildungsplattform für Finanzen zu machen. Und dann aber breiter gestreut, also auch im Bereich von Steuern, Erbe, Scheidung, Versicherung und so weiter. Und mein ganz persönliches Ziel ist es, mit 60 nicht mehr arbeiten zu müssen und ein Café aufmachen zu können. Dann kann ich zwei Tage in der Woche Kuchen backen und den Rest der Zeit Kaffee trinken. Und auf dem Weg zu diesem persönlichen Ziel möchte ich dafür sorgen, dass das Absicherungssystem gerechter wird. Deswegen habe ich auch mein Buch geschrieben und werde das an diverse Politiker*innen und Entscheidungsstellen schicken. Wir brauchen mehr systemischen Wandel.  


Über Claudia Müllers Buch 

Claudia Müllers Buch „Finanzen – Freiheit – Vorsorge. Der Weg zur finanziellen Unabhängigkeit – nicht nur für Frauen“ stellt unter anderem die Frage, weshalb es sich lohnt, sich mit Geld zu befassen. Außerdem schreibt sie über Geld in Beziehungen. In anwendbaren Praxiskapiteln widmet sie sich auch der Geldanlage. Das Buch kann auf Amazon oder beim lokalen Buchhändler bestellt werden. 

 

Foto Credits: Abbi Wensyel Photography